“Heute gilt der Fahrgast als Störfall”

DSC_0215Jusos und SPD in der Region diskutierten über eine solidarische Finanzierung des Nahverkehrs

Fast nichts ist so sicher, wie die jährliche Fahrpreiserhöhung für Bus und Bahn. Um über eine neue Form der Finanzierung des Nahverkehrs zu diskutieren hatten die Jusos aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis gemeinsam mit den SPD-Fraktionen in Stadtrat und Kreistag sowie der Juso-Hochschulgruppe Bonn zu einer Podiumsdiskussion ins BaseCamp nach Bonn geladen. Auf dem Podium nahm einer der Erfinder des Semestertickets für Studierende in NRW Platz, der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim, der diesen Solidargedanken mit einem „Bürgerticket“ weiterdenken möchte. Mit einem solchen Ticket könnten alle Menschen in dem entsprechenden Gebiet den Nahverkehr ohne Fahrscheine nutzen. Monheim stellte verschiedene Modelle der Finanzierung vor und empfahl, auch Unternehmen, die vom Angebot des ÖPNV profitieren, in die Finanzierung mit einzubeziehen. So müssten Kaufhäuser etwa Parkplätze nachweisen, sich aber mit keinem Cent am Nahverkehr beteiligen. Dabei setzte Monheim die Hoffnung in innovative Kommunen, da Deutschland immer noch ein „Innovationsverweigerungsland“ sei. Als Beispiel führte er die Stadt Wien an, in der es ein Tagesticket für einen Euro und ein Jahresticket für 365 Euro gebe. Die Folge dieses freiwilligen Abosystems sei ein großer Anstieg der Fahrgastzahlen gewesen.

Die planungspolitische Sprecherin der Bonner SPD-Ratsfraktion, Gabi Mayer, ergänzte, dass Deutschland ebenfalls ein „Autofahrerland“ sei. Dabei böte gerade der Ausbau des Nahverkehrs auch für die staugeplagte Region Bonn/Rhein-Sieg eine Chance, die Verkehrsprobleme nachhaltig in den Griff zu bekommen. Der Landesvorsitzende der NRWJusos, Frederick Cordes, kritisierte das jetzige Nahverkehrssystem als unzeitgemäß. Mit seinen Preisstrukturen spiegele es nicht mehr die Lebensrealität junger Menschen wieder. Für die Jusos sei Mobilität ein Grundrecht und eine solidarische Finanzierung, die Mobilität für alle ermöglicht, erstrebenswert.

Als Mitglied der Enquete-Kommission des Landtages zur Zukunft des Nahverkehrs konnte der SPD-Landtagsabgeordnete Dirk Schlömer aus erster Hand von den Diskussionen auf Landesebene berichten. Auch er wünschte sich ein Ticket, das alle anderen Tickets und Rabatte überflüssig mache und den Tarifdschungel lichtet. Auch aus umweltpolitischer Perspektive sei ein solcher Schritt nur folgerichtig. Jedoch stünde zunächst ein Ausbau der Kapazitäten im Schienenverkehr und der Angebote auch im ländlichen Raum an. Professor Monheim sah darin vor allem einen sich selbst verstärkenden Prozess, in dem Bürgerinnen und Bürger mehr an der Nahverkehrsplanung beteiligt werden. „Heute gilt der Fahrgast ein Störfall“, stellte er provokativ fest.

Die beiden Juso-Vorsitzenden aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis, Jessica Rosenthal und Mario Dahm, versprachen das Thema weiterzuverfolgen: „Vielleicht können wir unsere Region Bonn/Rhein-Sieg zur Modellregion für einen fahrscheinlosen, solidarischen und attraktiven Nahverkehr machen. Die Bretter sind dick, aber wir bohren schon.“

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